Wörter, die Mauern bauen: Wie ich angefangen habe, über Ostafrika anders zu sprechen

Sprache ist ein Spiegel. Und manchmal ist dieser Spiegel verdammt dreckig. Als ich anfing, Safaris zu planen, nutzte ich die Begriffe aus Magazinen und europäischen Naturdokus, die sich irgendwie „richtig“ anfühlten. Doch das Gefühl täuschte. Heute weiß ich: Unsere Wortwahl entscheidet darüber, ob wir jemanden als gleichwertigen Partner sehen oder nur als Statisten in unserem eigenen Urlaubsfilm. Ich habe das nicht in einem schlauen Buch gelernt. Es fing alles mit einer ganz normalen Gewohnheit an.

Der Sundowner und das koloniale Erbe 

Vor Kurzem löste die Frage, ob der klassische „Sundowner“ noch zeitgemäß ist oder hinter ein Bücherregal verstauben sollte, einen heftigen Schlagabtausch auf Instagram aus. Die Antwort eines Nutzers – „Hört doch mal mit der Political Correctness auf und geht zurück zum Normalen“ – traf mich unvorbereitet. Doch was ist dieses „Normal“ eigentlich? Der Sundowner ist keine harmlose Tradition, sondern eine koloniale Inszenierung: Siedler ließen sich nach der Jagd Drinks servieren, während sie den Blick über „ihr“ Land genossen. Wenn wir dieses Ritual heute unreflektiert fortführen, füttern wir ein Bild von Überlegenheit. Es geht mir nicht um Korrektheit, sondern darum, ob Tourismus ein Theaterstück mit festen Rollen bleibt – oder eine Begegnung wird.

Der Spiegel der Vergangenheit 

Dass wir dieses „Theaterstück“ oft gar nicht bemerken, liegt daran, wie tief unsere Vorurteile in unsere eigene Bildsprache eingesickert sind. Ich erinnere mich an ein Bild aus dem Jahr 2020, mit dem ich eigentlich Zusammenhalt ausdrücken wollte. Ein Nutzer hielt mir den Spiegel vor und erklärte, wie exotisierend und ausnutzend die Kampagne auf ihn wirkte.

Diese Kritik regte mich erst später zum Nachdenken an. Anfangs war ich uneinsichtig und festgefahren; es hat mich Jahre und viele weitere Gespräche gekostet, den Kern dieses Vorwurfs wirklich zu begreifen. Dieser Dialog wurde zum Ausgangspunkt für alles, was heute safarizeit ausmacht. Seitdem bin ich dabei, meinen Rucksack an überkommenen Bildern und Wörtern Stück für Stück zu entleeren. Ich nehme dich nun mit auf meine Wort-Safari – durch eine Sprache, die Respekt statt Klischees erzeugt.

Mein Wörterbuch des Verlernens

1. Einheimische vs. Experten

Nicht mehr Kulisse, sondern Profis: Guide, Vogelexperte, Unternehmer.

2. Augenhöhe vs. Werte

Kein Platzanweiser-Spiel, sondern geteilte Werte bei unterschiedlicher Expertise.

3. Helfen vs. Business

Keine Almosen. Faire Bezahlung für professionelle Leistung.

4. Unberührt vs. Intakt

Keine leere Wildnis, sondern seit Generationen bewahrte Kulturlandschaften.

5. Big 5 vs. Tiere der Savanne

Schluss mit der Jäger-Logik. Das gesamte Ökosystem wertschätzen.

6. Busch vs. Back Office

Respekt statt Romantisierung des „Primitiven“.

1. Von „Einheimischen“ zu Experten 

Das Wort „Einheimische“ klingt harmlos, aber es macht Menschen zu einem Teil der Kulisse, fast wie eine seltene Tierart, die man beobachtet. Es macht sie zu Objekten der Beobachtung, statt zu Subjekten ihres eigenen Handelns. Mein Partner Adam in Tansania ist aber nicht die Kulisse meiner Reise. Er ist ein Profi-Guide, ein Vogelexperte und ein Unternehmer. Ich habe früher oft davon gesprochen, den Menschen ihre Würde „zurückzugeben“. Heute weiß ich: Ich kann niemandem Würde geben, denn sie war nie weg. Ich habe sie nur durch meine Sprache verschleiert. Wenn ich heute von Partnern vor Ort oder von ihren konkreten Berufen spreche, erkenne ich ihre Souveränität an. Sie sind die Hauptdarsteller in ihrem eigenen Land. Doch es reicht nicht, sie nur als Experten zu benennen. Wir müssen auch hinterfragen, wie wir ihnen eigentlich begegnen.

2. Das Ende der Augenhöhe 

„Wir begegnen uns auf Augenhöhe.“ Das ist das Lieblingswort der Politik und der Entwicklungszusammenarbeit. Aber wer entscheidet eigentlich, wann diese Augenhöhe stattfindet? Meistens läuft es doch so: Wir lassen die Partner in unseren Raum eintreten. Sie dürfen dann ‚offen‘ ihre Meinung sagen, solange die eben in unser Konzept passt. Das ist keine Begegnung, das ist eine höfliche Art, Machtverhältnisse zu kaschieren.

Ich habe für mich verstanden: Wir müssen nicht denselben Raum besetzen oder exakt die gleichen Spielregeln teilen. Ich will keine „erlaubte“ Augenhöhe, in der ich entscheide, was geht und was nicht.

Was wir brauchen, sind übereinstimmende Werte. Wir müssen uns darauf verständigen, wie wir mit den Menschen und der Natur vor Ort umgehen, statt uns als „Gönner“ zu inszenieren. Meine Rolle ist die der Kuratorin und des Kundensprachrohrs: Ich übersetze die Wünsche meiner Gäste und stelle den Rahmen sicher. Mein Partner ist der Experte für sein Land, für seine Kultur, für die Logistik vor Ort. Unsere Expertisen liegen in unterschiedlichen Kontexten, aber sie haben das gleiche Gewicht.

Wir begegnen uns nicht, indem wir versuchen, gleich zu sein. Wir begegnen uns, indem wir anerkennen, dass unser Wissen in seinem jeweiligen Kontext gleich viel wert ist. Punkt. Und wenn dieses Wissen gleich viel wert ist, dann müssen wir auch aufhören, unsere Zusammenarbeit als einseitige Hilfeleistung zu tarnen.

3. Zusammenarbeiten statt „Helfen“

‚Wir unterstützen die Menschen vor Ort.‘ – Dieser eine Satz macht uns zu Rettern und die Menschen in Ostafrika zu Bittstellern. Dabei ist es ganz einfach: Wenn du eine Safari buchst, hilfst du niemandem. Du kaufst eine hochprofessionelle Dienstleistung. Du bezahlst für Wissen, Sicherheit und Gastfreundschaft. Das ist kein Almosen, sondern ein fairer Deal und lokale Wertschöpfung. Wir machen keine Entwicklungshilfe, wir machen Business. Dieses geschäftliche Selbstverständnis ändert auch den Blick auf das Produkt selbst: Das Land, durch das wir reisen.

4. Warum es keine ‚unberührte Natur‘ gibt

Wir alle lieben das Wort „unberührt“, weil es eine Wildnis ohne Menschen suggeriert. Doch in Ostafrika ist das eine historische Lüge. Fast jedes Fleckchen Erde hat eine jahrtausendealte Geschichte mit den Menschen, die dort leben. Schlimmer noch: Viele Nationalparks wurden erst dadurch „unberührt“, dass man die lokale Bevölkerung – wie etwa die Maasai in der Serengeti – für den Tourismus gewaltsam vertrieben hat.

Das bittere Paradoxon: Die Geschichte wiederholt sich gerade jetzt im Ngorongoro-Schutzgebiet. Dem Ort, der den Maasai nach ihrer Vertreibung aus der Serengeti einst als dauerhafter Wohnort zugesprochen wurde, sollen sie nun erneut weichen.

Wenn wir von „Wildnis“ sprechen, machen wir diese Menschen, ihren Kampf und ihre Vertreibung unsichtbar. Wir degradieren eine jahrtausendealte Kulturlandschaft zu einer bloßen Postkarten-Kulisse. Ich spreche deshalb lieber von intakten Ökosystemen.

Dieser Begriff zeigt: Die Natur ist nur deshalb so reich, weil die Menschen vor Ort sie seit Generationen schützen. Durch ihr Wissen und ihre Art zu leben. Wenn wir die Natur als bewohnten Kulturraum begreifen, fallen auch die alten Begriffe der Eroberer und Jäger in sich zusammen.

5. Jäger-Latein adé: Die Logik der Trophäen

Löwe, Leopard, Elefant, Büffel und Nashorn sind als die „Big 5“ bekannt. Aber wusstest du, woher dieser Begriff kommt? Es war die Bestenliste der Großwildjäger. Es ging rein darum, welches Tier am schwierigsten zu erschießen war. Wir fahren heute mit der Kamera los, nicht mit dem Gewehr. Warum halten wir also an einer Logik fest, die auf dem Töten basiert? Warum bestimmt die Geschichte eines weißen Jägers von 1920, dass ein Büffel „wichtiger“ ist als eine Giraffe? Ich lade dich ein, die Trophäen-Jagd im Kopf komplett zu beenden. Fang an, das gesamte System zu sehen – vom Ameisenlöwen bis zum Elefanten.

6. Busch und „Back Office“ 

Wir alle nutzen das Wort „Busch“. Es klingt nach Abenteuer und Romantik. Aber historisch gesehen diente es dazu, Afrika als einen „unzivilisierten“ Ort darzustellen. Auch ich bin vor Kurzem noch voll in diese Falle getappt. Ich suchte einen Namen für meinen neuen Newsletter und dachte sofort an: ‚Buschküche‘. Mein Bild dazu? Die Küchenbaracke auf Campingsafaris. Der Ort, an dem Guides und Köche nach einem langen Tag zusammenkommen und fachsimpeln. Erst durch ein Gespräch mit einer Freundin wurde mir klar, was für ein Brett ich vorm Kopf hatte. Auch wenn ich den Begriff als nahbar empfand: Er erzeugt unbewusst dieses Bild von etwas ‚Primitiven‘. Ich wollte Wertschätzung ausdrucken, habe aber ein Wort gewählt, das die harte Arbeit der Crew herabsetzt. Mein Newsletter heißt nun Back Office. Der Ort ist derselbe, aber die Haltung eine völlig andere.

Warum das wichtig für DEINE Reise ist

Vielleicht denkst du: „Stephanie, es sind doch nur Wörter.“ Aber Wörter formen deine Erwartungen. Wenn du mit dem Bild der „armen, lächelnden Einheimischen“ landest, wirst du die Dynamik, den Stolz und die Innovationskraft Ostafrikas verpassen.

Ich möchte, dass du die Kulissen beiseite schiebst. Wenn wir unsere Sprache dekolonialisieren, machen wir Platz für echte Begegnungen. Für Gespräche, die nicht in einem Skript stehen. Für einen Urlaub, der dich nicht nur als Beobachter sieht, sondern als Gast in einer modernen, selbstbewussten Welt.

Bist du bereit, deinen Wort-Rucksack mit mir auszupacken? Ich räume auf meiner eigenen Seite gerade noch auf. Falls du bei mir noch eine „Wort-Leiche“ findest, die in den Ruhestand gehört: Schreib mir!

Ein kleiner Quick-Check für den Sprachgebrauch

Begriff Warum problematisch? Bessere Alternative
Stamm (Tribe) Klingt nach Steinzeit-Klischee. Volk, Ethnie, Community oder spezifisch (z.B. Maasai)
Entdecken Klingt so, als wäre vorher niemand da gewesen. erkunden, besuchen, kennenlernen
Authentisch Romantisiert oft Armut als „echt“. lebendig, modern, privat, selbstverständlich
Wildnis Suggeriert herrenloses Land. Savanne, Schutzgebiet, intaktes Ökosystem
„Die Afrikaner“ Reduziert einen ganzen Kontinent. Spezifisch: Tansanier, lokale Crew, Menschen in Arusha

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Reiseberaterin und Inhaberin von safarizeit Erlebnisreisen, Stephanie Zemmrich

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