Ocean Sole in Nairobi: 689 Flip-Flops, eine Giraffe
689. Diese Zahl hängt an einer Giraffe unter einem Wellblechdach in Nairobi. So viele weggeworfene Flip-Flops stecken in dem einen Tier. Bei Ocean Sole wird angeschwemmter Strandmüll zu Kunst.
- Ocean Sole verarbeitet angeschwemmte Flip-Flops zu farbigen Skulpturen
- Die große Giraffe im Hof trägt ein Schild mit der Zahl 689
- Die Werkstatt liegt im Stadtteil Karen im Süden von Nairobi
- Du kannst der Produktion beim Waschen, Kleben und Schnitzen zusehen
- Im Shop gibt es Stücke vom kleinen Tier bis zum Formel-1-Wagen
- Ein Besuch lässt sich gut mit einem Abstecher über den Markt verbinden

Ich stehe im Karen Village davor, und das Tier ist größer als ich.
Blau und pink und grün, unter einem Wellblechdach, daneben ein Herz aus denselben Sohlen.
689 Schuhe, die jemand getragen und irgendwann weggeworfen hat. Jetzt stehen sie da und haben einen Hals.
Andere bräuchten eine Broschüre. Hier reicht eine Zahl auf einem laminierten Blatt Papier: 689 gebrauchte Flip-Flops, ein Tier.
Ocean Sole sitzt im Südwesten von Nairobi, im Karen Village. Flache Gebäude aus Rundholz, ein Weg in der Mitte, links und rechts Werkstätten.
Das ist keine Souvenirmeile. Nebenan arbeitet Tony Mugo im Pambazuko Glass House, ein in Deutschland ausgebildeter Glasarchitekt, dessen Installationen in Tempeln, im Jomo Kenyatta International Airport und in Privathäusern hängen. Insgesamt sind es über dreißig Studios und Werkstätten, in denen Künstlerinnen und Künstler tatsächlich arbeiten.
Am Ende des Weges liegt Unit B2. Die Halle von Ocean Sole, davor der Shop, davor die Giraffe mit dem Schild.
Vor der Tür stehen zwei Sessel, komplett bezogen mit Flip-Flop-Mosaik, daneben eine Mauer, in die der Name aus einzelnen Kacheln gesetzt ist. Man sitzt hier auf dem Material, über das gleich geredet wird.
Der Rundgang beginnt nicht bei der Kunst. Er beginnt an einem Blechtrog.

Zwei Frauen in blauen Kitteln sitzen davor, Gummihandschuhe bis über die Ellbogen, und schrubben Sohlen. Im Trog steht der Schaum, daneben quellen Kisten und Säcke über. Auf dem nassen Boden liegen weitere, grün, rot, türkis.
Was da liegt, ist angeschwemmter Müll. In zwei Wochen ist es eine Giraffe.
Ocean Sole sammelt an Stränden, in Wasserläufen und auf Deponien in ganz Kenia. Nach eigenen Angaben verarbeitet die Werkstatt über zehntausend Sohlen pro Woche.
Weil er der billigste der Welt ist. Ein Paar kostet an der ostafrikanischen Küste weniger als ein Brot. Er wird getragen, bis er reißt, und dann liegt er da.
Dazu kommt das eigentliche Problem. Kenia hat 2017 eines der strengsten Plastiktütenverbote der Welt erlassen. Für Flip-Flops gibt es nichts Vergleichbares, und eine flächendeckende Müllabfuhr, die den Rest einsammeln würde, existiert nicht.
Was liegen bleibt, wandert bei Regen in die Flüsse und von dort ins Meer. Und kommt irgendwo wieder an Land, meistens dort, wo sich niemand zuständig fühlt.
Angefangen hat Ocean Sole 1999 auf Kiwayu, einer Insel ganz im Norden der kenianischen Küste, nahe der Grenze zu Somalia. Gegründet hat es Julie Church.
Die Halle ist groß und offen, Holzstützen, lichtdurchlässige Dachplatten. Auf dem Betonboden liegt farbiger Staub, rosa und rot eingerieben von Jahren. An der Wand hängen zwei Tafeln, auf der einen steht Sustainability, auf der anderen Empowerment.
Auf Bänken sitzen die Handwerkerinnen und Handwerker in blauen Overalls, viele mit Staubmaske.

Und hier ist der Satz, der hängengeblieben ist: Viele von ihnen sind ausgebildete Holzschnitzer.
Das ist der Grund, warum diese Tiere aussehen, wie sie aussehen. Dieselbe Handbewegung, dieselbe Schule, dasselbe Auge. Nur das Material ist ein anderes, und es kostet nichts, außer dass jemand es einsammelt.
An einer großen Giraffe arbeiten drei Leute rund zwei Wochen.
Es gibt zwei Verfahren, und die Managerin führt beide vor.

Für kleine Stücke wird geklebt. Die gewaschenen Sohlen werden zu Blöcken verleimt, Schicht auf Schicht, und aus dem Block wird das Tier herausgearbeitet. Hältst du so ein Stück in der Hand, siehst du die Lagen wie einen Gesteinsschnitt. Blau, Rot, Gelb, Türkis, alles Schuhe, die einmal jemandem gehört haben.
Der Kleber wird selbst angemischt.
Für die großen Skulpturen wird gefüllt. Ein Kern bildet die Form, darüber kommen überlappend die Sohlen, danach wird geschnitzt, geschliffen, geformt. Deshalb sieht die Giraffe aus wie ein Mosaik und der kleine Hund wie ein Schnitt durch Sediment.
In einem abgetrennten Bereich stehen die Schleifmaschinen. Zwei Männer sitzen auf Plastikstühlen, Maske vor dem Gesicht, und drücken die verklebten Blöcke gegen die laufende Scheibe. Der Boden um sie herum ist rosa.

An zwei Tischen sitzen zwei Frauen und arbeiten mit Pinzette und sehr genauem Auge.
Hier kommen die Labels und die letzten Feinarbeiten dazu. Die filigranen Sachen, kleine Hunde, handtellergroß, in Rot, Weiß und Grün, bekommen hier den letzten Schliff.

Dann zeigte mir die Managerin, woran man ein echtes Stück erkennt. In jedes Tier wird ein winziger Flip-Flop eingesetzt, wenige Millimeter groß, gestreift, aus denselben Sohlen. Auf dem Rücken des Hundes sitzt er wie ein Stempel.
Ohne dieses Emblem ist es keine Ocean Sole.
Im Innenhof des u-förmigen Gebäudes stehen Metallwagen voller Nachschub. Daneben eine umgekippte Holzkiste, aus der bunte Verschnittreste laufen. Silhouetten, aus denen die Tiere getrennt wurden, Sicheln, Splitter, Krümel.
Ich dachte, das sei Abfall.

Dann hielt mir die Managerin ein Kissen hin. Dunkler Stoff, prall gefüllt, und durch das Gewebe sieht man, womit: geschredderte Flip-Flop-Reste in allen Farben.
Der Verschnitt der Skulpturen wird zur Füllung der Kissen. Was übrig bleibt, ist ein Kissen.

Regale voller Pinguine, Elefanten, Zebras, Giraffen. An der Wand ein Elchkopf in Rot, wie eine Jagdtrophäe, nur eben aus Sandalen. Ein Schneemann. Schlüsselanhänger in Reihen.
Und mitten im Raum ein Formel-1-Wagen in Blau und Rot, mit einem Firmenlogo auf dem Heckflügel. Ob Auftragsarbeit oder freies Stück, konnte ich nicht sagen.
Aber an diesem Punkt wirkt der Raum weniger wie reines Kunsthandwerk und mehr wie eine Werkstatt, die auch Aufträge annimmt.
Wir standen zu dritt davor und griffen dann alle drei nach demselben Tier. Ein Warzenschwein, den Schwanz senkrecht aufgestellt wie eine Antenne.
Ich habe es für meinen Sohn mitgenommen, der zu Hause bei seinem Papa war. Meine Partner nahmen ihres mit in die Mara, für das Regal in ihrem Containerhaus. Wiederkommen wollen sie und dann einen großen Büffelkopf holen.

Nairobi ist für viele immer noch vor allem ein Flughafen mit Wartezeit. Man landet, wird abgeholt, fährt direkt in die Parks oder übernachtet in Flughafennähe.
Ocean Sole ist ein Grund, aus dieser Wartezeit etwas zu machen: ein Stopp auf einer Stadttour, der eine andere Facette der Metropole zeigt. Nicht, weil es hübsch ist, sondern weil du in einer Stunde siehst, wie aus etwas, das vorher nur Müll war, Wertschöpfung entsteht. Einsammeln, waschen, kleben, schnitzen, schleifen, verkaufen. Jeder dieser Schritte ist eine Arbeitsstelle in Kenia. Über hundert sind es insgesamt.


Wir waren an einem Samstag da, und im Village war wenig los. Nach einer knappen Stunde sind wir weiter zum Marula Green Market, und dort war deutlich mehr los.
Der Markt hieß früher Organic Farmers Market und heißt inzwischen Marula Green Market – gleicher Ort. Es gibt ihn seit 2010, er findet samstags von 9 bis 18 Uhr in den Marula Studios an der Marula Lane 16 in Karen statt, und er gilt als der größte seiner Art in Nairobi.

Er liegt unter alten Bäumen, rote Erde, Stände aus Bambus und Rundholz mit Schattendächern.

Es gibt Baobab-Früchte in geflochtenen Körben, aufgebrochen, sodass man das rostrote Fruchtfleisch sieht. Daneben ein Stand mit Baobabpulver, Moringa und Honig. Es gibt Ingwer, Kurkuma, Knoblauch, Limetten, Mangos, Stachelannonen. Blumensträuße auf dem Boden, in Eimern.

Auf einer Tafel steht Kienyeji Chicken, also Hühner aus Freilandhaltung, und direkt darunter Sauerkraut. Beides an einem Stand.
Ein Grill aus einem halbierten Fass, ein Craft-Bier-Stand mit einem Probierbrett aus zwölf kleinen Bechern, Grillteller von der Ziege, Mbuzi Choma, mit Pommes und Kachumbari. Zwischen den Ständen laufen Familien, Hunde und Leute mit Jutebeuteln.
Nach einem Morgen bei Ocean Sole ist der Markt die perfekte Ergänzung – am besten bleibt man bis zum Mittag und snackt sich einmal durch das Angebot. Beides zusammen ist ein halber Tag in Nairobi, an dem du weder in einem Souvenirladen noch in einer Hotellobby sitzt.
Und weil sich der Kreis schließt: Die Baobab-Frucht auf diesem Markt wächst an demselben Baum, unter dem ich ein paar Tage später in Tansania stand, zwischen den Ruinen von Kaole.
Wo: Ocean Sole, Karen Village, Unit B2, Ngong Road, Karen, Nairobi.
Dauer: Eine Stunde reicht für Werkstatt und Shop.
Welcher Tag: Der Samstag bietet sich an, wenn du den Besuch mit dem Marula Green Market verbinden willst. Bei Ocean Sole selbst ist dann allerdings weniger los: Wir waren an einem Samstag dort, und in der Halle war wenig Betrieb. Unter der Woche arbeiten mehr Leute an den Bänken, falls du das sehen willst.
Bezahlen: Im Shop hängt ein Schild, dass kein Bargeld angenommen wird. Karte oder M-Pesa mitbringen.
Anmelden: Wir hatten den Besuch vorher angemeldet, und ich würde das auch empfehlen. Dann führt dich jemand durch die Halle, statt dass du nur im Shop stehst.
Die Führung ist kostenlos und dauert etwa eine halbe Stunde. Anmelden kannst du dich per WhatsApp unter +254 727 531 301 oder per Mail an visit@oceansoleafrica.com.
Fotografieren: Frag die Managerin, bevor du in der Halle fotografierst, und frag die Leute an den Bänken selbst.
Was es kostet: Ein einzelner Untersetzer liegt bei 800 Schilling, Ohrringe bei 1.300. Ein mittelgroßes Tier, etwa ein Flamingo oder eine Taube, kostet rund 4.100 Schilling, also etwa 27 Euro. Nach oben ist viel Luft: Eine Fußmatte liegt bei knapp 12.000, ein großes Wandobjekt bei über 36.000, und das teuerste Stück im Onlineshop steht bei 181.500 Schilling.
Rechne für ein Tier in Handtaschengröße also mit 25 bis 30 Euro. Für ein Souvenir, an dem jemand mehrere Stunden gesessen hat, finde ich das erstaunlich wenig.
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