Mangroven am Rand der Kaole-Anlage, wo der alte Ankerplatz verlandete
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Bagamoyo: Warum du mit den Kaole Ruinen anfangen solltest

Stephanie Zemmrich · safarizeit
27. Juli 2026 · 15 Min Lesezeit

Drei Stunden. So lange hat uns ein einziger Irrtum gekostet. Am Ende war es der beste Fehler der ganzen Reise, denn er zwang uns, Bagamoyo in der richtigen Reihenfolge zu erleben: erst Kaole, dann den Ort.

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Das Wichtigste im Überblick
  • Die Reihenfolge entscheidet: nachmittags Kaole, eine Nacht in Bagamoyo, am nächsten Morgen früh der Ort. Falsch herum kostet es den Ort.
  • Kaole ist älter als Bagamoyo, Siedlung ab dem 8. Jahrhundert, Ruinen aus dem 13. bis 16. Jahrhundert
  • Wer Kaole gegründet hat, hängt davon ab, wen du fragst: die tansanische Forschung liest die Swahili-Kultur nicht als Import
  • Bagamoyo war Karawanenendpunkt, Sklavenhafen und erste Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas (1886 bis 1891)
  • Nimm einen Guide. Ohne jemanden, der die Schichten kennt, ist Bagamoyo nur eine Ansammlung alter Mauern
  • Übernachten im Firefly Bagamoyo, essen im Poa Poa (vorher anrufen und bestellen)

Wir wollten über Pangani und durch Saadani fahren, den schönen Weg, den kaum jemand nimmt. Die Fähre war wegen Straßenarbeiten gesperrt.

Das Ärgerliche daran ist nicht die Sperrung. Das ist Ostafrika, Straßen werden gebaut, Fähren stehen still, damit rechnet man. Das Ärgerliche ist, dass an der Junction in Muheza kein einziges Schild darauf hinwies. Dort hätte ein Stück Blech gereicht, vier Wörter: kivuko cha Pangani kimefungwa. Fähre Pangani gesperrt.

Stattdessen fuhren wir anderthalb Stunden Richtung Küste, standen vor einer Fähre, die nicht fuhr, und fuhren anderthalb Stunden dieselbe Strecke zurück. Es war elf Uhr vormittags. Also genau die richtige Zeit für ein Schock-Bier.

Den härteren Teil hatte ohnehin Leonard, unser Fahrer. Drei Stunden extra am Steuer. Beschwert hat er sich mit keinem Wort. Wir kamen malade an den Kaole Ruinen an. Verschwitzt, hungrig, mit dem Gefühl, den Tag verloren zu haben.

Es war der beste Fehler der ganzen Reise.
Warum die Reihenfolge alles verändert

Die meisten machen Bagamoyo als Tagesausflug ab Dar. Morgens hin, Ort ansehen, Kaole hinterher, abends zurück. Das funktioniert, aber es ist die falsche Reihenfolge, und zwar aus zwei Gründen.

Der erste ist praktisch. Bagamoyo ist gegen Mittag heiß, staubig und laut. Der Ort will zu Fuß erkundet werden, und zu Fuß willst du dort um acht Uhr morgens sein, nicht um zwölf.

Der zweite ist der Zeitstrahl. Kaole ist der ältere Ort. Was du dort siehst, liegt Jahrhunderte vor allem, was im heutigen Bagamoyo steht. Wenn du mit Kaole anfängst, läufst du am nächsten Morgen chronologisch durch die Geschichte. Andersherum läufst du rückwärts, und es fügt sich nicht zusammen.

Meine Empfehlung

Nachmittags Kaole, eine Nacht in Bagamoyo, am nächsten Morgen früh der Ort. Zwei halbe Tage statt einem ganzen. Es kostet dich eine Übernachtung und gibt dir mehr Zeit, den Ort zu erleben.

Safaris, die Bagamoyo einbauen
Der Mann, der uns empfangen hat

Abdallah B. Ulimwengu stand am Eingang der Ruinen, als wollte er schon immer dort stehen.

Ich hatte die Tour über ihn koordiniert, nach einem Tipp aus dem Lazy Lagoon. Das ist eine Lodge mit zwölf Bandas auf einer schmalen Sandbank vor Bagamoyo, keine drei Kilometer vom Festland, erreichbar nur per Boot. Solche Tipps sind Gold wert, weil sie aus der Nachbarschaft kommen und nicht aus einem Verzeichnis.

Unsere Verspätung nahm er mit einem hamna shida hin, kein Problem, und schob den Plan um, ohne dass es sich nach Umplanen anfühlte. Ulimwengu heißt auf Swahili Universum. Der Name passt. Ich habe selten jemanden getroffen, der so viel weiß und so wenig davon vorführt.

Er ist Sekretär der Bagamoyo Tour Guide Association und forscht seit über zwei Jahrzehnten zur Geschichte seines Ortes. Als 2015 die internationale Presse über den geplanten Hafen berichtete, gehörte er zu den wenigen aus dem Ort, die zu Wort kamen. Man begrüße jede Art von Entwicklung, sagte er damals, solange es einen klaren Plan gebe.

Kaole, kurz vor fünf

Wir gingen gegen Viertel vor fünf los. Das Licht war schon tief und warm, die Hitze aus dem Tag heraus. Der Weg führt durch die Anlage, hinunter zu den Mangroven, in das kleine Museum, weiter zur alten Moschee und zu dem Baobab, der dort steht, als hätte er alles mitangesehen, und hat er vermutlich auch.

Zwei Pfeiler stehen noch aufrecht. Schmal, deutlich höher als ein Haus, aus Korallenstein. Als die Sonne tief genug stand, schob sie sich genau hinter den größeren und fraß seine Kanten weg.

Sonnenuntergang hinter den Grabpfeilern der Kaole Ruinen
Sonnenuntergang hinter den Grabpfeilern von Kaole

Das ist es, was von Kaole übrig ist. Grabpfeiler, niedrige Mauern, rechteckige Kammern, in die man von oben hineinsieht. Der Stein ist dunkel und löchrig, weiß gesprenkelt, wie etwas, das lange im Wasser lag und dann getrocknet ist. Er lag auch lange im Wasser. Man hat ihn aus dem Riff geschnitten.

Weiter hinten steht die Moschee, besser erhalten als alles andere. Eine Wand mit einem Bogen darin, zwei kleine quadratische Fenster daneben, davor zwei runde Steinstümpfe im Boden. Hier wechselt der Stein ins Ockerfarbene. Der Bogen ist der Mihrab, die Gebetsnische. Sie sitzt in der Wand, die nach Mekka weist, und gibt der Gemeinde die Gebetsrichtung vor.

Das Dach ist seit Jahrhunderten weg, die Mauern stehen nur noch halb. Die Nische aber ist so klar zu erkennen, dass du auf Anhieb weißt, wo vorne war.

Mihrab der alten Moschee von Kaole
Mihrab der alten Moschee von Kaole

Das Museum ist ein kleines Steinhaus in der Mitte der Anlage. Drinnen Fliesen, Vitrinen, Tafeln auf Swahili und Englisch. Eine davon handelt gar nicht von Kaole, sondern von Kilwa, weit im Süden. Genau das ist der Punkt. Dieser Ort war kein Vorposten. Er war ein Knoten.

Innenraum des kleinen Museums der Kaole Ruinen mit Vitrinen und Tafeln
Das Museum der Kaole Ruinen mit Vitrinen und Tafeln

Am Rand der Anlage steht der Baobab. Kahl, weil Trockenzeit war, die Äste wie ein Wurzelwerk, das jemand nach oben gedreht hat. Die Sonne ging genau dahinter unter, und ein paar Minuten lang war der Baum nur noch Umriss. Er steht dicht an einer der niedrigen Mauern. Das ist das Bild, das geblieben ist. Ein Baum und eine Ruine nebeneinander, und man weiß nicht, wer von beiden zuerst da war.

Baobab im Gegenlicht neben einer niedrigen Ruinenmauer in Kaole
Baobab im Gegenlicht neben einer niedrigen Ruinenmauer
Barrierearm

Der Weg durch die Anlage ist gepflastert und flach, ohne Stufen, links und rechts Sand und trockenes Gras. Das ist ungewöhnlich für einen Ort dieser Art, und es heißt: Kaole geht auch mit einem Knie, das nicht mehr alles mitmacht.

Gepflasterter, ebener Weg durch die Anlage der Kaole Ruinen
Der gepflasterte, ebene Weg durch die Anlage

Kaole ist älter als Bagamoyo. Die Siedlung geht auf das 8. Jahrhundert zurück, die Ruinen, die du siehst, stammen aus dem 13. bis 16. Jahrhundert. Zwei Moscheen, rund dreißig Gräber, gebaut aus Korallenstein, einige mit den Pfeilern, die dieser Küste eigen sind. Gehandelt wurde mit Mangrovenholz, Sandelholz, Ebenholz und Elfenbein. Chinesisches Porzellan lag im Boden. Und hier wird es interessant.

Wer hat das gebaut, und wer erzählt es dir

In den meisten Reisetexten liest du, persische Händler aus Schiras hätten Kaole gegründet. Diese Version ist alt, sie geht auf europäische Ausgrabungen der 1950er Jahre zurück, und sie hält sich hartnäckig.

Tansanische Archäologinnen und Archäologen sehen das anders. An der Universität Dar es Salaam hat Felix Chami genau hier gegraben, unter anderem am Karawanenserail von Bagamoyo, und seine Arbeiten stehen für eine Forschung, die die Swahili-Kultur nicht als Import liest, sondern als etwas, das an dieser Küste selbst entstanden ist und sich nach außen verbunden hat.

Welche der beiden Lesarten dir jemand erzählt, macht den ganzen Unterschied: die Geschichte einer Küste, die Handel trieb, oder die einer Küste, der Zivilisation gebracht wurde.

Abdallah ließ keinen Zweifel daran, welche der beiden Lesarten er für die tragfähige hält. Es ist die tansanische. Zwischen den Gräbern ist mir aufgefallen, wie anmaßend der europäische Reflex eigentlich ist. Wir tun so, als beginne Zivilisation bei uns und werde von dort aus verteilt.

Dabei wurde hier gesiedelt und gehandelt, im 8. Jahrhundert, mit Verbindungen bis nach China.

Wen du fragst, verändert also, was du hörst. Frag vor Ort nach. Genau dafür hast du jemanden wie Abdallah dabei, und genau deshalb nehme ich dir hier nicht vorweg, was er dir erzählen wird.

Warum Kaole aufhörte

Die naheliegende Frage, wenn man zwischen den Mauern steht: Warum ist hier nichts mehr? Die gängigste Erklärung lautet, das Wasser habe sich zurückgezogen. Mangroven wuchsen in die Bucht, der Ankerplatz verlandete, und ein Handelsplatz ohne erreichbaren Hafen ist keiner mehr.

Du läufst auf dem Rundweg von den Gräbern hinunter zu genau diesen Mangroven. Sie sind kein Beiwerk am Rand der Anlage. Sie sind Teil der Erklärung.

Mangroven am Rand der Kaole-Anlage, wo der alte Ankerplatz verlandete
Mangroven am Rand der Kaole-Anlage, wo der alte Ankerplatz verlandete

Es gibt aber auch die These, dass sich der Meeresspiegel selbst verändert hat. Die maritime Archäologie an dieser Küste hat bei Kaole Landestellen aus verschiedenen Zeiten kartiert, eine ältere und eine aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Die Menschen sind also mit dem Wasser mitgezogen. Als Ursachen werden Erosion, Anlandung, Mangrovenwuchs, Monsun und Meeresspiegelveränderung nebeneinander genannt.

Was davon überwog, ist nicht abschließend geklärt. Sicher ist nur: Die Küste hat sich bewegt, und der Ort konnte irgendwann nicht mehr mit.

Dasselbe Meer

Was Kaole reich machte, war der Indische Ozean. Waren aus dem Landesinneren gingen hinaus, chinesisches Porzellan kam herein. Es liegt bis heute im Boden. Über die Routen dieses Ozeans wurden auch Menschen verkauft, lange vor dem 19. Jahrhundert. Wie groß dieser Handel in den frühen Jahrhunderten war, ist unter Fachleuten umstritten. Dass es ihn gab, ist unbestritten.

Hier stand also nicht erst ein friedlicher Handelsplatz, dem viel später und wie aus dem Nichts ein Sklavenhafen folgte. Die Verbindungen waren dieselben. Was sich änderte, waren Maßstab und Nachfrage. Ich schreibe das auf, weil die Versuchung groß ist, sich die Sache zurechtzulegen. Ein europäisches Mittelalter, das erobert und tötet, und eine Küste, die friedlich Handel treibt. So einfach war es nicht.

Der Unterschied liegt woanders. Die Swahili-Städte wuchsen über Handel, nicht über Landnahme. Sie führten keine Eroberungskriege ins Landesinnere. Das ist ein Unterschied in der Logik, nicht in der Unschuld.

Der Name

Bagamoyo, aus bwaga moyo. Leg dein Herz nieder. Die Version, die in fast jedem Text steht: Verschleppte, die hier die Hoffnung verloren, weil hinter dem Hafen das Meer kam und danach nichts mehr.

Die zweite Version: Träger, die wochenlang aus dem Landesinneren gelaufen waren und hier ihre Last endlich absetzen konnten. Es gibt ein altes Trägerlied, das genau davon handelt. Beide Lesarten sind belegt, und die Forschung streitet darüber. Ich löse das hier nicht auf. Ich finde, man sollte in einem Ort wie diesem aushalten können, dass zwei Wahrheiten nebeneinanderstehen.

Der Abend

Gegen sechs waren wir im Ortskern. Übernachtet haben wir im Firefly Bagamoyo, einem alten Steinhaus der Firefly Collection in der Stone Town, ein paar hundert Meter vom Zentrum.

Das Haus ist ein Fundstück. Weiß gekalkte Wände, Decken aus dunklen Rundhölzern, Böden aus geglättetem Estrich. In den Wänden sitzen die Nischen, die man hier seit Jahrhunderten in Steinhäuser baut. Durch das Erdgeschoss läuft ein langer Gang mit Bögen, Laternen an den Wänden, geflochtene Matten auf dem Boden, überall Pflanzen.

Citrus Suite im Firefly BagamoyoBlick auf den Pool im Firefly BagamoyoGang in der oberen Etage des Firefly BagamoyoBar im Firefly BagamoyoRestaurant im Firefly BagamoyoFensterplatz in der oberen Etage des Firefly Bagamoyo
Firefly Bagamoyo: Citrus Suite, Pool, obere Etage, Bar, Restaurant und Fensterplatz

Vor meiner Zimmertür stand ein Maschinentelegraf aus Messing, so einer, mit dem auf einem Schiff Befehle in den Maschinenraum gehen. Darüber ein handgemaltes Schild: Citrus Suite. Die Tür selbst ist eine alte geschnitzte Swahili-Tür, schwer wie ein Möbelstück. Draußen ein kleiner Pool mit Steinrand, darüber Schnüre mit Muscheln und getrockneten Früchten, die im Wind drehen. Auf dem Dach hängt ein Bett an vier Pfosten zwischen den Palmen.

Nichts davon ist durchgestylt. Der Beton ist rissig, das Wellblech nebenan rostet, und die Muschelketten hat jemand von Hand aufgezogen. Genau deshalb bleibt das Haus im Kopf. Das Essen war richtig gut. Ein Mix aus internationaler und lokaler Küche, ohne dass eines das andere erschlägt.

Gut zu wissen vor dem Buchen

Die Nacht war unruhig. Das Haus liegt nah an der Hauptstraße, und man hört sie. Dazu Frösche, die es ernst meinten. Andere Gäste nennen denselben Punkt. Wenn du empfindlich schläfst, nimm Ohrstöpsel mit und frag nach einem Zimmer weg von der Straße.

Der Morgen, der den Ort erklärt

Frühstück früh, gegen acht zu Fuß los. Zwei Stunden durch Bagamoyo, über die zentrale Straße, hinunter zum Hafen und zum Fischmarkt. Die Hauptstraße ist frisch gepflastert und um diese Zeit noch fast leer. Links Wellblechdächer, rechts Läden, davor Bilder an die Wand gelehnt, Tingatinga in Reihen. Eine Frau in Kanga steigt auf ein Motorrad mit gestapelten Eimern, zwei Männer sitzen im Schatten und schauen zu. Der Ort wacht gerade erst auf, und genau das ist die Stunde, für die du am Vorabend geblieben bist.

Frau auf einem Motorrad in einer Straße von Bagamoyo
Morgens in den Straßen von Bagamoyo

Vor einem der Läden steht ein selbst gezimmerter Wegweiser, bunte Bretter übereinander genagelt: work smart, dream big, never give up. Darunter eine Telefonnummer und ein Name. Iddi, der Maler. Ich mag diesen Wegweiser, weil er nicht für Gäste gemacht ist. Er steht da für den, der ihn gebaut hat. Solche Momente lassen sich nicht buchen, nur ansteuern. Deshalb plane ich Bagamoyo so, dass Zeit bleibt, morgens einfach loszulaufen und Iddis Schild selbst zu finden.

Selbstgebauter bunter Wegweiser von Iddi dem Maler in Bagamoyo
Selbstgebauter bunter Wegweiser von Iddi dem Maler

Zwanzig Schritte weiter steht eine Ruine. Zwei Stockwerke, Bögen ohne Fenster, ein Baum, der aus dem Mauerwerk wächst, alles überzogen von Kletterpflanzen. Das ist das alte Zollhaus, dasselbe, das für jeden verschleppten Menschen eine Ausfuhrgebühr kassierte. Direkt daneben eine Moschee mit rotem Blechdach und grünem Minarett, frisch gestrichen, in Betrieb.

Ruine des alten Zollhauses von Bagamoyo mit Baum im Mauerwerk, daneben eine Moschee
Das alte Zollhaus, daneben die frisch gestrichene Moschee
Das ist Bagamoyo in einem Bild. Eine Schicht zerfällt, die nächste wird gestrichen, beide stehen im selben Hof.
Der Kunstmarkt ohne Kunst

Ein Stück weiter liegt der Art Market. Als wir im Oktober dort standen, war keine Kunst da. Kein Stand, kein Bild, keine Schnitzerei. Nur das Gebäude, offenbar in Arbeit.

Was Abdallah während der Führung erzählte: Das alte Marktgebäude von Bagamoyo steht auf der Denkmalliste des Ortes, zusammen mit dem Boma, der Karawanserei, dem Zollhaus und dem Fort. Und der Marktplatz gilt als einer der Orte, an denen der Sklavenhandel des Ortes stattfand. Der Markt lag unter einer Baumgruppe. Die mündliche Überlieferung berichtet von einem Gang, durch den Verschleppte zum Strand gebracht wurden, und das Zollhaus kassierte für jeden Menschen eine Ausfuhrgebühr. Ich stand also auf einem leeren Kunstmarkt und wusste erst durch ihn, worauf ich stand.

Die Fliese aus dem Boma

Im Hof des Boma stand Abdallah und hielt eine Fliese in der Hand, die er zwischen dem Laub aufgehoben hatte. Ein Stern in Braun und Cremeweiß, die Kanten abgeschlagen. Das Boma war das Verwaltungsgebäude der deutschen Kolonialverwaltung. Die Fliese lag auf seinem Fußboden.

Abdallah mit sternförmiger Bodenfliese im Old Boma
Sternförmige Bodenfliese aus dem Boma in Abdallahs Hand

Da liegt sie also. Im Laub, zwischen abgebrochenen Steinen, und niemand hebt sie auf. Ein Stück Fußboden einer Behörde, die davon ausging, für immer zu bleiben.

Das Fort

Wir stiegen in das Old Fort, das älteste erhaltene Steinhaus des Ortes. Eine schmale Treppe, ausgetretene Stufen, ein Handlauf aus Putz, oben ein Dach mit Zinnen. Von dort siehst du über die Baumkronen aufs Meer, und im Meer liegen Boote. Nicht zwei oder drei. Dutzende.

Blick vom Dach des Old Fort über die Baumkronen aufs Meer mit Dhaus
Blick vom Dach des Old Fort über die Baumkronen aufs Meer mit Dhaus

Das Haus hat jede Herrschaft dieses Ortes überlebt und jeder gedient. Gebaut hat es ein arabischer Händler als Wohnhaus, danach wurde es in eine Befestigung einbezogen. 1894 kauften es die Deutschen und machten eine Garnison daraus. Nach dem Ersten Weltkrieg nutzten es die Briten als Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit war es Polizeistation. Heute sitzt die Antikenbehörde darin.

Fünf Nutzungen, ein Gebäude, und keine davon war freiwillig gewählt von denen, die hier lebten.
Abushiri

Im Museum steht eine Tafel, an der die meisten vorbeigehen. Sie handelt von Abushiri ibn Salim al-Harthi, der 1888 einen Aufstand gegen die deutsche Kolonialgesellschaft anführte. Es ging um Verträge, die den örtlichen Autoritäten mit Druck und Täuschung abgerungen wurden. Der Aufstand breitete sich entlang der Küste aus. Das Deutsche Reich schickte Hermann von Wissmann. Im Dezember 1889 wurde Abushiri gehängt.

Was danach kam, steht nicht auf der Tafel, gehört aber dazu. Dieser Aufstand war der erste von mehreren. Der Hehe-Krieg folgte, und ab 1905 der Maji-Maji-Krieg. Ich schreibe das hier auf, weil die deutsche Erzählung über Ostafrika bis heute überwiegend von Deutschen handelt. Von Forschungsreisenden, von Missionen, von einer Hauptstadt, die man vergessen hat. Bagamoyo erzählt auch die andere Hälfte. Man muss nur stehen bleiben.

Der deutsche Friedhof

Am Strand liegt ein kleiner Friedhof. Zwanzig Gräber, Platten aus Beton, eine niedrige Mauer. Dahinter Palmen, Fischerboote und das Meer. Auf einer der Platten steht Franz Quandt, Unteroffizier in der Schutztruppe, geboren im September 1869, gestorben im Dezember 1891. Er wurde zweiundzwanzig.

Deutscher Kolonialfriedhof am Strand von Bagamoyo
Deutscher Kolonialfriedhof am Strand von Bagamoyo

Belegt wurde der Friedhof nur fünf Jahre lang, von 1889 bis 1894. Achtzehn der Gräber gehören Soldaten aus Wissmanns Truppe. Also genau jener Truppe, die geschickt wurde, um den Aufstand niederzuschlagen, von dem die Tafel im Museum erzählt. Zwei Gräber haben einen anderen Ton. In einem liegt eine deutsche Krankenschwester, Antonie Bäumler, gestorben im September 1889. In einem anderen ein Kleinkind, Gretel Schuller.

Ich stand eine Weile davor. Was mich dort festhielt, war nicht Mitleid, sondern eine Rechnung, die sich von selbst aufmacht. Diese zwanzig Menschen haben Namen, Geburtsdaten, Sterbedaten und gemauerte Gräber. Sie sind gezählt. Die Menschen, die von diesem Strand aus verladen wurden, haben nichts davon. Keinen Stein, keine Zahl, keinen Namen.

Beides liegt hier keine zweihundert Meter auseinander.
Der Hafen

Der Hafen ist der Punkt, an dem der Ort seine ganze Geschichte auf einmal zeigt. Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert war Bagamoyo einer der wichtigsten Häfen dieser Küste. Hier endeten die Karawanenrouten aus dem Landesinneren, hier wurden Elfenbein und Menschen verladen. Dann baute die Kolonialverwaltung Dar es Salaam aus, und Bagamoyo verlor. Zwischen 1886 und 1891 war der Ort noch erste Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas, dann zog die Verwaltung ab, und er blieb zurück.

Und dann kommst du bei Ebbe an den Strand und siehst, dass hier nichts vorbei ist. Die Dhaus liegen in einer langen Reihe im nassen Sand, die Masten alle im selben Winkel nach hinten geneigt. Männer in orangefarbenen Westen tragen frisch gesägtes Bauholz an Bord, ein heller Stapel zwischen den dunklen Rümpfen. Das ist kein Museum. Das ist Fracht.

Bagamoyo Hafen mit Dhaus bei Ebbe
Dhaus bei Ebbe im nassen Sand, Masten im selben Winkel

Ein Stück weiter, im Schatten der Kasuarinen, steht ein Boot auf Stützen. Die Spanten liegen noch frei, die Planken sind bis auf halbe Höhe gesetzt, daneben lehnen Balken an einem Holzgerüst. Jemand baut hier gerade eine Dhau. Von Hand, am Strand, wie seit Jahrhunderten.

Im Bau befindliche Dhau am Strand, Spanten noch frei
Im Bau befindliche Dhau am Strand, Spanten noch frei
Der Fischmarkt

Der Fischmarkt am Morgen ist kein Programmpunkt, sondern Arbeit, der du zusiehst. Auf dem nassen Beton steht ein Korb, geflochten aus blauen und grünen Kunststoffbändern, bis oben voll mit dagaa, den kleinen Silberfischen, die hier getrocknet und in ganz Tansania gegessen werden. An der Schlachtbank zerteilt jemand mit ein paar schnellen Schnitten einen großen Fisch. Es riecht nach Salz, Fisch und feuchtem Stein.

Korb mit frisch gefangenen Dagaa auf dem Fischmarkt von Bagamoyo
Frisch gefangene Dagaa auf dem Fischmarkt von Bagamoyo

Der Markt ist zweigeteilt. Auf der einen Seite der Großhandel, wo die Fänge in Menge weggehen. Auf der anderen der lokale Verkauf, für den Haushalt, für den Tag. Kommen die Boote herein, versammelt sich der halbe Ort, und der Fang wird an Ort und Stelle versteigert. Die Halle, in der das geschieht, stammt noch aus der deutschen Zeit.

Wichtiger Hinweis

Fotografieren und Filmen kommen hier nicht gut an. Frag, und stell dich darauf ein, dass die Antwort nein lautet. Dieses Nein ist kein Missverständnis und keine Verhandlungsposition. Das hier ist ein Arbeitsplatz, kein Schauplatz. Wer damit nicht umgehen kann, sollte den Markt auslassen.

Und gleichzeitig soll genau hier der größte Hafen Ostafrikas entstehen. Ein Projekt über Jahre angekündigt, gestoppt, wiederbelebt, mit wechselnden Investoren, zuletzt aus Saudi-Arabien, ausgelegt auf ein Vielfaches dessen, was Dar heute umschlägt, dazu eine Sonderwirtschaftszone von 1.700 Hektar. Für Bagamoyo hieße das: Dörfer, die weichen. Buchten, in denen seit Generationen Dhaus gebaut und gefischt wird und die dann Kaikante wären.

Ob und wann gebaut wird, weiß niemand sicher. Aber du stehst an einem Hafen, der zweimal der wichtigste Umschlagplatz dieser Küste war, erst für die Karawanen und das Elfenbein, und über denselben Kai für Menschen, die von hier aus verschleppt und verkauft wurden, dann als erste Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas. Beide Male fiel er danach in die Bedeutungslosigkeit zurück, als der Verkehr nach Dar es Salaam abwanderte. Jetzt könnte mit dem geplanten Hafen ein drittes Mal kommen. Bagamoyo steht seit dem 20. Februar 2006 auf der Vorschlagsliste der UNESCO, als Teil einer ostafrikanischen Sklaven- und Handelsroute. Passiert ist seither nichts. Das Boma ist seit einem Teileinsturz 1998 sich selbst überlassen, und viele der historischen Häuser in Privatbesitz verfallen.

Zwanzig Jahre Vorschlagsliste auf der einen Seite. Ein Hafenprojekt in Milliardenhöhe auf der anderen.
Was ich nicht geschafft habe

Gegen halb elf ging es weiter nach Dar. Zwei Dinge sind offengeblieben, und sie ärgern mich bis heute: Nashe’s Café in der Mwambao School Street und das Poa Poa. Beide standen auf meiner Liste, für beide war keine Zeit mehr.

Das Poa Poa liegt mitten in der Stone Town und gilt als die erste Adresse im Ort. Afrikanische Küche und Pizza, Sitzplätze im Freien, vegane Gerichte auf der Karte, dazu eine hausgemachte Chilisauce, von der praktisch jeder schwärmt. Dienstags spielt Livemusik, geöffnet ist bis 22 Uhr.

Praxis-Tipp Poa Poa

Wer einfach hereinspaziert, wartet dort mitunter eine Stunde. Wer vorher anruft und bestellt, sitzt deutlich schneller vor dem Essen. Die Nummer ist +255 623 924 751. Wenn du dort isst, schreib mir, wie es war. Beim nächsten Mal sitze ich selbst da.

Praktisch
Anfahrt

Ab Dar rund zwei Stunden. Wenn du von Norden über Pangani und Saadani kommst: Kläre vor der Junction in Muheza, ob die Fähre fährt. Ausgeschildert wird eine Sperrung dort nicht, und wenn du erst am Wasser merkst, dass nichts geht, kostet dich der Umweg drei Stunden. Ein Anruf bei deiner Unterkunft in Bagamoyo am Vortag reicht meist.

Zeitplan, den ich empfehle

Ankunft am Nachmittag, Kaole gegen 16:30 Uhr, Übernachtung in Bagamoyo, am nächsten Morgen ab acht Uhr zu Fuß durch den Ort, gegen elf Uhr Mittagessen im Ort, danach weiter nach Dar es Salaam. Das Mittagessen ist der einzige Punkt, an dem ich meinen eigenen Ablauf ändern würde. Wir sind um halb elf weitergefahren, und genau deshalb habe ich weder das Poa Poa noch Nashe’s Café gesehen. Plan die anderthalb Stunden ein.

Übernachtung

Firefly Bagamoyo, altes Steinhaus der Firefly Collection in der Stone Town, gutes Essen, Pool, viel Charakter. Zwei Hinweise: Das Haus liegt straßennah, also Ohrstöpsel einpacken. Und die Treppe in den ersten Stock ist eng und steil. Wenn Knie oder Hüfte ein Thema sind, frag bei der Buchung nach einem Zimmer im Erdgeschoss.

  • Doppelzimmer Erdgeschoss ab 50 USD pro Zimmer/Nacht
  • Doppelzimmer Obergeschoss ab 60 USD, Familienzimmer ab 60 USD
  • Schlafsaal 16 USD pro Person, Camping 10 USD
  • West Wing (gegenüber der Straße): Doppelzimmer 80 USD, Familienzimmer 100 USD
  • Immer inkl. Frühstück. Preise gelten pro Zimmer, kein Einzelzuschlag

Essen im Firefly: Hauptgerichte zwischen 15.000 und 25.000 Schilling, Frühstück ab 10.000. Sechs vegetarische Gerichte stehen auf der Karte, was in Tansania keine Selbstverständlichkeit ist. Der Königsfisch kommt in einer hausgemachten grünen Currysauce mit Kokosreis. Und ja, es gibt BFC auf der Karte. Bagamoyo Fried Chicken.

Eintritte und Guide

Kaole Ruinen 40.000 Schilling pro Person, das sind rund 15 Euro (Stand Juli 2026). Bagamoyo Stone Town 40.000 Schilling pro Person, katholische Mission 10.000 Schilling pro Person. Der Guide kostet 60.000 Schilling für die gesamte Gruppe und die komplette Tour. Lies die letzte Zahl noch einmal. Bei vier Leuten zahlst du 200.000 Schilling Eintritt und 60.000 für den Menschen, ohne den du davon nichts verstehst.

Weiter nach Sansibar oder Lazy Lagoon

Von Bagamoyo nach Sansibar gibt es eine Bootsverbindung, 45 USD pro Person, mit einer Mindestabnahme von zehn Personen oder 450 USD für die Überfahrt. Das steht in keinem Reiseführer und eröffnet Routen, die sonst niemand plant. Wenn du mehr Zeit hast, häng eine Nacht im Lazy Lagoon an, zwölf Bandas auf einer Sandbank vor der Küste, nur per Boot erreichbar.

Guide

Nimm einen. Bagamoyo ohne jemanden, der die Schichten kennt, ist eine Ansammlung alter Mauern. Mit jemandem ist es einer der dichtesten Orte Tansanias. Wir waren mit Abdallah B. Ulimwengu unterwegs, erreichbar über @coastalinformationcenter. Wenn du über mich buchst, koordiniere ich das.

Bagamoyo Kaole Ruinen Tansania Swahili-Küste Deutsch-Ostafrika Reisebericht
Stephanie Zemmrich
safarizeit Erlebnisreisen · Berlin

Drei Jahre am Kilimanjaro gelebt, 2019 safarizeit gegründet. Ich schreibe über das Ostafrika, das hinter den Hochglanzprospekten steckt.

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